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Regionale IT statt Big Tech

Wenn in Thüringen heute Videokonferenzen abgehalten, Projektunterlagen geteilt oder digitale Dokumente verwaltet werden, geschieht das immer öfter mit Software, die nicht aus den USA oder von großen internationalen Konzernen stammt. Stattdessen setzt das Land zunehmend auf eigene, offene und kontrollierbare Systeme: auf regionale IT und Open Source. Dahinter steckt eine klare Idee: digitale Souveränität.

"Digitale Souveränität umfasst drei Aspekte: dass man Einfluss nehmen kann, dass man gestalten kann und dass man wechselfähig ist“, sagt die CEO der Heinlein Group Jutta Horstmann, die sich seit Jahren für mehr Eigenständigkeit in der digitalen Infrastruktur einsetzt.

Jutta Horstmann

Co-CEO Heinlein Gruppe

Einen Überblick, was digitale Souveränität genau bedeutet und wie sie sich in Thüringen entwickelt, findest Du im Artikel „Digitale Souveränität“.

Technik, die zur Region passt

Horstmanns Drei-Punkte-Definition klingt abstrakt, entfaltet aber große Bedeutung im Alltag. Einfluss nehmen heißt: selbst bestimmen, wo und wie Software betrieben wird, etwa ob die Daten auf einem eigenen Server in Thüringen liegen oder auf einer US-amerikanischen Cloud. Gestalten bedeutet, Programme selbst anpassen oder erweitern zu können, statt auf Updates eines Konzerns zu warten. Und „wechselfähig“ zu sein ist ganz wörtlich zu verstehen, wer sich nicht abhängig macht, kann Anbieter wechseln und bleibt handlungsfähig.

Diese Philosophie hat längst in die Thüringer Verwaltung Einzug gehalten. Der Freistaat setzt zunehmend auf Open-Source-Lösungen.

„Open Source bedeutet nicht nur, dass der Quellcode für jede und jeden zugänglich und nachlesbar ist“, erklärt Horstmann. „Sondern auch, dass jeder die Freiheit hat, Software auszuführen, wo und wie man möchte, zu kopieren, zu verbreiten, zu untersuchen, zu ändern und zu verbessern.“

Mehr Hintergründe zu Digitaler Souveränität gibt es in der Podcast‑Folge von „Bits & Bratwurst“ mit Jutta Horstmann.

Thüringen als Vorreiter

Wie ernst es dem Land mit dieser Offenheit ist, zeigt ein Blick auf die letzten Jahre. Besonders sichtbar wurde der Wandel mit dem Kommunikationssystem Open Talk. Was 2022 als Pilotprojekt im Thüringer Finanzministerium begann, ist seit 2024 fester Bestandteil des digitalen Alltags in der Verwaltung:

  • Über 50 000 Videokonferenzen pro Jahr
  • Rund 10 000 Beschäftigte in der Landes- und Kommunalverwaltung nutzen die Plattform
  • Inzwischen in 60 Kommunen aktiv

Das Besondere: Open Talk läuft auf Servern des Thüringer Landesrechenzentrums, sicher, datenschutzkonform und unabhängig von globalen Konzernen.

Public Money - Public Code

Ein weiterer Meilenstein ist das Projekt „Souveräner Arbeitsplatz Thüringen“, aufbauend auf Open‑Source‑Komponenten wie Nextcloud, OpenProject und eben Open Talk, bietet dieser Arbeitsplatz alle zentralen Werkzeuge für Verwaltung, Kommunikation und Zusammenarbeit.

Für die Thüringer Verwaltungscloud erhielt das Land 2025 den zweiten Platz beim bundesweiten Open-Source-Wettbewerb, eine Auszeichnung für den konsequenten Weg in Richtung digitaler Eigenständigkeit. Damit folgt Thüringen einem einfachen, aber kraftvollen Prinzip: Public Money - Public Code. Was mit öffentlichem Geld entwickelt wird, soll auch öffentlich zugänglich sein.

Demokratie braucht digitale Freiheit

Digitale Souveränität ist dabei weit mehr als eine technische Frage. Sie ist politisch und im besten Sinne demokratisch. Denn wer bei zentraler Infrastruktur auf außereuropäische Anbieter setzt, gibt einen Teil seiner Handlungsfähigkeit ab. Besonders deutlich wird das am sogenannten US Cloud Act: Das amerikanische Gesetz erlaubt US‑Behörden, auf Daten zuzugreifen, die bei US‑Unternehmen gespeichert sind, selbst wenn die Server in Deutschland stehen.

„Wenn wir unsere demokratische Integrität behalten wollen, müssen wir uns von Abhängigkeiten lösen“, betont Horstmann.

Das ist der Kern der Debatte um den so genannten Deutschland‑Stack, eine Initiative des Digitalministeriums, bei der Bund, Länder und Kommunen zusammenarbeiten, um schrittweise eine einheitliche, souveräne digitale Infrastruktur für Verwaltungen aufzubauen.

Vom Alltag zur Verwaltung

Für viele Bürgerinnen und Bürger ist digitale Souveränität längst Teil ihres Alltags, auch wenn sie es vielleicht nicht so nennen würden. Horstmann fordert, diese Selbstverständlichkeit müsse auch in der öffentlichen Verwaltung gelten: Software sollte verständlich, sicher und transparent sein und vor allem den Menschen dienen, nicht Märkten oder Geschäftsinteressen.

Dabei geht es nicht nur um Technik, sondern auch um Haltung. Regionale IT-Projekte unter Einsatz von Open-Source-Technologien fördern Kooperation statt Konkurrenz, Transparenz statt Blackbox, Teilhabe statt Abhängigkeit. Gerade in einer Zeit, in der Vertrauen in öffentliche Institutionen eine zentrale Rolle spielt, wird nachvollziehbare und überprüfbare Software zu einem demokratischen Fundament.

Wirtschaftlicher Schub für Thüringen

Offene IT-Standards wie der Thüringen-Stack und die Verwaltungscloud eröffnen lokalen KMU konkrete Chancen: Sie übernehmen Wartung, Individualanpassungen und Schulungen für Behörden.

Hochschulen wie die Bauhaus-Universität Weimar oder die Technische Universität Ilmenau kooperieren eng mit der Verwaltung und Firmen, etwa bei KI-Anwendungen oder Cybersicherheit, um praxisnahe Innovationen zu entwickeln. Dadurch werden regionale Dienstleister gestärkt, es entstehen neue Dienstleister und Wertschöpfung bleibt im Land, statt an globale Konzerne abzufließen.

Ein Fallschirm für die Demokratie

Horstmann nennt souveräne Open Source Lösungen gern den „Fallschirm für die Demokratie“. Der Vergleich passt: Wer sich vorbereitet, wer sich seine Infrastruktur selbst aufbauen kann, landet sanft, selbst wenn große Anbieter plötzlich ihre Bedingungen ändern oder verschwinden.

Zahlen & Fakten zur digitalen Souveränität in Thüringen

Projekt Open Talk

  • Gestartet 2022 als Videokonferenz System der Thüringer Verwaltung
  • Über 50 000 Videokonferenzen pro Jahr
  • 10 000 Beschäftigte nutzen den Dienst
  • 60 Kommunen beteiligt

Projekt Souveräner Arbeitsplatz Thüringen

  • Komponenten: Nextcloud, OpenProject, OpenTalk
  • Ziel: vollständige datenschutzkonforme Arbeitsplattform für Behörden
  • 2. Platz beim Open Source Wettbewerb 2025 

Leitprinzipien

  • Public Money - Public Code: Was öffentlich finanziert wird, gehört allen
  • Fokus auf regionale IT Kompetenz und offene Standards
  • Beitrag zum bundesweiten „Deutschland Stack“

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