Warum weniger manchmal viel mehr ist
Ob mobiles Surfvolumen oder persönliche Informationen: Wer klug mit Daten umgeht, spart Geld, schützt seine Privatsphäre und hat am Ende des Monats mehr vom Netz. Ein Überblick über zwei Seiten desselben Themas.
Ob mobiles Surfvolumen oder persönliche Informationen: Wer klug mit Daten umgeht, spart Geld, schützt seine Privatsphäre und hat am Ende des Monats mehr vom Netz. Ein Überblick über zwei Seiten desselben Themas.
Es ist ein Dienstagnachmittag, irgendwo zwischen Erfurt und Jena. Die Regionalbahn rattert durch das Saaletal, Jana tippt auf ihrem Smartphone. Sie möchte der Freundin ein kurzes Video schicken, ein Clip vom Konzert am Wochenende. Doch der Versuch scheitert: Das Netz bricht weg, und als es sich kurz erholt, kommt die Meldung, die Jana bestens kennt. Datenvolumen aufgebraucht. Bitte Tarif upgraden.
Was Jana in diesem Moment nervt, ist mehr als ein technisches Ärgernis. Es ist symptomatisch für eine Frage, die in Thüringen wie überall in Deutschland immer mehr Menschen beschäftigt: Wie gehen wir mit unseren Daten um? Die Antwort hat zwei Ebenen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, aber bei näherer Betrachtung eng verknüpft sind: Daten sparen bedeutet zum einen, das mobile Surfvolumen zu schonen. Zum anderen aber, und das ist die tiefere Bedeutung, geht es ums Sparen von persönlichen Daten: Welche Informationen über dich existieren überhaupt, wer hat sie, und wie kannst du als Bürger aktiv dazu beitragen, dass davon so wenig wie nötig gespeichert wird?
Im Alltag meinen die meisten, wenn sie von Daten sparen reden, schlicht das monatliche Datenvolumen ihres Mobilfunktarifs. Klar: Wer am Ende des Monats im Schneckentempo surft, weil das Paket aufgebraucht ist, denkt nicht in erster Linie an Datenschutzrecht. Doch die Sprache hat hier einen interessanten Doppelsinn eingebaut.
Das Prinzip der Datensparsamkeit ist nämlich kein Erfindung von Smartphone-Nutzern, sondern ein Rechtsbegriff mit Geschichte. Bereits im alten Bundesdatenschutzgesetz, Paragraf 3a, stand, dass so wenig personenbezogene Daten erhoben, verarbeitet und genutzt werden sollen, wie für den jeweiligen Zweck erforderlich ist. Die Datenschutz-Grundverordnung, kurz DSGVO, die seit 2018 in der gesamten EU gilt, trägt dieses Prinzip unter dem Begriff Datenminimierung fort. Gemeint ist dasselbe: Nicht so viele Daten wie möglich sammeln, sondern so wenige wie nötig.
Für Bürgerinnen und Bürger in Thüringen ist das kein abstraktes Rechtsprinzip. Es ist ein praktisches Werkzeug. Wer weiß, dass ihm die DSGVO das Recht auf Auskunft, Löschung und Einschränkung der Verarbeitung seiner Daten gibt, kann aktiv handeln. Wer seine Smartphone-Einstellungen kennt, kann aktiv steuern, welche App welche Informationen bekommt. Und wer seinen Datenverbrauch im Blick hat, kommt auch am Monatsende noch ins Netz.
Beginnen wir mit der praktischen Seite. Wie viele Daten Jana auf ihrer Bahnfahrt verbraucht, hängt von einer Vielzahl kleiner Entscheidungen ab, die sie meist gar nicht bewusst trifft. Denn ein modernes Smartphone ist von Haus aus auf Komfort eingestellt, nicht auf Sparsamkeit.
Wer einmal nachschaut, welche App in einem Monat wie viel Volumen gezogen hat, erlebt oft eine Überraschung. Bei Android findet sich die Übersicht unter Einstellungen > Netzwerk & Internet oder Verbindungen > Datennutzung. Unter "Mobildatennutzung" erscheinen, sind häufig nicht nur die Apps, die man aktiv genutzt hat, sondern die, die unbemerkt im Hintergrund liefen: Foto-Clouddienste, die ständig synchronisieren. Update-Manager, die neue Versionen ziehen, egal ob WLAN oder mobiles Netz. Social-Media-Apps, die autoplay Videos abspielen.
Bei iOS sind die Werte zum mobilen Datenverbrauch der jeweiligen Apps zu finden unter Einstellungen > Mobilfunk > Mobile Daten.
Dazu kommt ein Effekt, den wenige auf dem Schirm haben: Bei schlechtem Empfang, wie er auf vielen Strecken im Thüringer Wald oder im Eichsfeld noch häufig auftritt, verbraucht das Handy mehr Daten, weil Inhalte mehrfach angefragt werden, bevor sie vollständig laden.
Wer diese sieben Maßnahmen konsequent umsetzt, kann seinen monatlichen mobilen Datenverbrauch, je nach bisherigem Nutzungsverhalten, um ein Drittel bis zur Hälfte senken, ohne auf irgendetwas Wesentliches zu verzichten.
Doch zurück zur zweiten, wichtigeren Dimension. Während das Datenvolumen auf dem Smartphone in Megabyte messbar ist, ist der Fluss persönlicher Informationen schwerer greifbar. Wer heute ein Smartphone benutzt, eine App installiert, eine Webseite aufruft oder einen Online-Dienst nutzt, hinterlässt ständig Spuren: Standortdaten, Nutzungszeiten, Interessen, soziale Verbindungen, Kaufgewohnheiten.
Das allein ist keine Neuigkeit mehr. Was sich aber ändert, ist das Bewusstsein der Menschen, und zunehmend auch die rechtlichen und politischen Reaktionen darauf. Datensparsamkeit ist nicht mehr nur ein Grundsatz für Behörden und Unternehmen, er ist ein Leitprinzip, das Bürgerinnen und Bürger selbst anwenden können.
Die DSGVO gibt jedem Menschen in der EU konkrete Werkzeuge an die Hand. Du kannst von jedem Unternehmen und jeder Behörde Auskunft verlangen, welche Daten über dich gespeichert sind. Du kannst die Löschung beantragen, wenn die Daten nicht mehr benötigt werden oder du deine Einwilligung zurückziehst. Du kannst die Einschränkung der Verarbeitung fordern, wenn du die Richtigkeit der Daten bezweifelst.
Diese Rechte werden noch zu selten wahrgenommen. Dabei sind sie einfach auszuüben: Eine formlose E-Mail oder ein Brief genügen in der Regel für eine Auskunftsanfrage. Wer Schwierigkeiten hat oder eine Beschwerde einreichen möchte, kann sich an den Thüringer Landesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit wenden. Diese Dienststelle prüft Beschwerden, berät Bürger kostenlos und kann Unternehmen bei Verstößen zur Rechenschaft ziehen.
Abseits des rechtlichen Rahmens gibt es viele kleine Alltagsentscheidungen, die zusammen einen großen Unterschied machen.
Thüringen treibt die Digitalisierung der Verwaltung konsequent voran. Immer mehr Behördengänge lassen sich online erledigen: Ummeldungen, Anträge, Bescheinigungen. Die BundID als bundesweites Servicekonto ermöglicht eine zentrale Anlaufstelle, über die Bürger Verwaltungsleistungen medienbruchfrei, also ohne Papierwechsel und mehrfache Dateneingabe, abwickeln können.
Für die Akzeptanz solcher Dienste ist Vertrauen entscheidend. Deshalb ist im Digitalbeirat der Thüringer Landesregierung, der 2025 mit 18 Experten berufen wurde, dauerhaft der Thüringer Landesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (TLfDI), Tino Melzer, vertreten. Der Beirat berät zu Digitalstrategien, Verwaltungsmodernisierung und Cybersicherheit. Das ist ein klares Signal: Digitale Modernisierung soll nicht auf Kosten der Privatsphäre gehen.
Das Umweltportal Thüringen stellt offene Daten frei zur Verfügung, etwa zu Schutzgebieten, Geodaten, Hochwasserrisiken oder Luftqualität, im Rahmen des Landesprogramms „Offene Geodaten“.
Die Idee dahinter: Offene Daten von Bund, Land und Kommunen fördern Transparenz, Beteiligung und Innovation. Sie müssen dabei konsequent anonymisiert sein, sodass kein Rückschluss auf Einzelpersonen möglich ist. Offenheit und Datensparsamkeit schließen sich also nicht aus. Ganz im Gegenteil: Wer öffentliche Daten sauber strukturiert und anonymisiert veröffentlicht, praktiziert Datensparsamkeit auf institutioneller Ebene.
Ein Aspekt, der in der Debatte oft untergeht, ist digitale Bildung. Die Thüringer Landesregierung verweist auf Informationsmaterialien zur digitalen Selbstverteidigung (PDF), Broschüren und Anleitungen, die erklären, wie Bürger ihre Daten auf Smartphone und Computer schützen können. Das Ziel ist klar formuliert: Digitale Kompetenz stärken, damit Menschen selbstbestimmt entscheiden können, was mit ihren Daten passiert.
Bibliotheken, Volkshochschulen und Beratungsstellen in Erfurt, Jena, Gera, Weimar und anderen thüringischen Städten bieten Kursangebote und Unterstützung an, die dieses Ziel mit Leben füllen. Wer Fragen hat, muss sie nicht alleine lösen.
Jana kommt irgendwann in Jena an. Ihr Video liegt noch ungeschickt auf dem Handy. Aber auf dem Bahnhofsgelände gibt es WLAN, und in zwei Minuten ist der Clip weg.
Was Jana nicht weiß, oder vielleicht noch nicht weiß: Ihr Handy hat in den letzten Stunden nicht nur Datenvolumen verbraucht, sondern auch Dutzende Male kleine Informationshappen versandt. An die App, die ihren Standort trackt. An den Dienst, der ihre Nutzungszeiten auswertet. An das Netzwerk, das aus all dem ein Profil baut.
Daten sparen bedeutet beides in den Blick zu nehmen. Die Megabytes, die monatlich verfügbar sind. Und die persönlichen Informationen, die täglich entstehen, ohne dass man es merkt. Wer beides im Griff hat, surft nicht nur länger mit vollem Tempo, er gewinnt auch ein Stück digitale Selbstbestimmung zurück.
Für dein mobiles Datenvolumen:
Für deine persönlichen Daten: