Projekt

Generationen Echo - Seniorenredaktionen in Thüringen

Im kleinen Studio des Wartburgradios in Eisenach duftet es nach Kaffee und frischem Gebäck. Zwischen Mikrofonen, Mischpult und Notizzetteln wird gelacht, diskutiert und geplant. Wer hier arbeitet, ist im Ruhestand und zugleich mittendrin im gesellschaftlichen Leben.

Radio kennt kein Alter

Die Seniorenredaktion des Wartburgradios besteht im Kern aus vier festen Mitgliedern. Wolfgang (76), Techniker mit Neugier für neue Themen, hat zuletzt einen Beitrag über Künstliche Intelligenz produziert. Norbert (71), seit 2018 dabei, gestaltet regelmäßig die „Oldtimerstunde“, eine Sendung, die Erinnerungen hörbar macht. Elke (85), ehemalige Zeitungsredakteurin, bringt journalistische Erfahrung und einen Blick für Service-Themen ein. Gisela (85), Autorin und inzwischen auch als Schauspielerin aktiv, schreibt und spricht Beiträge aus dem Leben.

Unterstützt wird die Gruppe von Djuana Mannel und Stefan Dietrich, die beim Wartburgradio die Seniorenredaktion betreuen und bei Technik, Aufnahme und Schnitt helfen. „Im Radio duzt man sich immer“, sagt sie und genau dieses Miteinander prägt die Atmosphäre.

Dass hier Erfahrung auf Engagement trifft, zeigt sich schnell. Elke und Wolfgang produzierten sechs Jahre lang gemeinsam die „Aktuelle Stunde“, sie verantwortete die Inhalte, er die Musik. Routiniert, aber nie routinemäßig.

Themen aus dem echten Leben

Die Themen der Seniorenredaktion sind so vielfältig wie ihre Mitglieder. Wolfgang berichtet gern von unterwegs - etwa vom Europatag auf dem Marktplatz oder vom Tag der offenen Tür im Thüringer Landtag. Auch Reportagen über ein Tierheim, Tierschutz oder über ein Tattoostudio gehören zum Repertoire.

Gisela beschreibt, was viele antreibt: „Ich kann mich hier überall gut einbringen. Ob bei Berichten über Lokalprojekte oder beim Schreiben von Kolumnen. Es tut gut produktiv zu sein.“

Das Programm kennt dabei kaum Grenzen. Weihnachtshörspiele, Morningshows, Reportagen, Gedichte - alles ist möglich. Die Ergebnisse sind in der Audiothek des Wartburgradios abrufbar und zeigen, wie lebendig Seniorenradio sein kann.

Mehr als ein Hobby

Für viele ist das Engagement weit mehr als Zeitvertreib. „Manche Rentner fallen nach dem Ausstieg aus dem Berufsleben in ein tiefes Loch, das wollte ich vermeiden“, sagt Elke. „Ich fühle mich hier sauwohl, es ist mein zweites Zuhause.“

Dieser Satz bekommt Gewicht, wenn man den Raum erlebt: Es wird gescherzt, diskutiert, auch ernste Themen finden Platz, aber stets mit einem Blick auf das Positive. Die Redaktion ist nicht nur Produktionsort, sondern sozialer Anker.

Das Wartburgradio ist kein Einzelfall. In Thüringen gibt es mehrere Bürgerradios, die Senioren aktiv einbinden:

  • Wartburgradio 96,5 (Eisenach)
  • Radio F.R.E.I. (Erfurt)
  • SRB – Städtischer Rundfunk Saalfeld
  • Radio ENNO (Nordhausen)
  • Radio OKJ (Jena)
  • Radio LOTTE Weimar

Diese Sender gehören zur Landschaft des nichtkommerziellen Rundfunks. Sie bieten Bürgerinnen und Bürgern Zugang zu Medienproduktion, unabhängig von Alter oder beruflichem Hintergrund.

Seniorenredaktionen sind dabei ein fester Bestandteil vieler Programme. Sie ermöglichen älteren Menschen, ihre Perspektiven einzubringen, Wissen weiterzugeben und am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen.

Was ist das „Generationen-Echo“?

Die sechs Redaktionsgruppen sind Teil eines Modellprojektes, das 2014 im Rahmen der Thüringer Familienförderung durch den Freistaat Thüringen gefördert und durch den Arbeit und Leben e. V. in Kooperation mit der Thüringer Landesmedienanstalt unter dem Namen „Generationen-Echo“ umgesetzt wurde. 

Das bedeutet konkret:

  • Ältere Menschen produzieren eigene Beiträge und bringen Lebenserfahrung und Sichtweisen ein.
  • Jüngere Menschen (z. B. aus Schulprojekten) arbeiten teilweise mit ihnen zusammen.
  • Medienkompetenz wird durch die erfahrenen Medienpädagogen der Bürgerradios vermittelt.
  • Intergenerativer Dialog und lebenslanges Lernen werden gefördert

Gerade in Thüringen, wo viele Bürgerradios stark in Bildungsarbeit eingebunden sind, spielt dieser Ansatz eine wichtige Rolle. Er wirkt sozialer Isolation entgegen und stärkt gesellschaftliche Teilhabe.

Zwischen Generationenlücke und Gemeinschaft

Auffällig ist laut Joana Mantel eine Lücke im Engagement: Während viele Schülerinnen und Schüler sowie Senioren aktiv sind, fehlen oft Menschen zwischen 25 und 65 Jahren.
Das macht die Seniorenredaktionen umso wichtiger. Sie halten den Sender mit am Laufen und bringen Stabilität in die Programmarbeit.

Dieses Jahr feiert das Wartburgradio sein 25-jähriges Bestehen. Beim Tag des offenen Denkmals öffnet der Sender regelmäßig seine Türen für Besucher, auch für diejenigen, die vielleicht selbst einmal ans Mikrofon möchten. Grundsätzlich ist immer jeder willkommen und aufgerufen sich selbst als Radioproduzent zu versuchen – schließlich ist genau das das Konzept eines Bürgerradios.

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